Von Cosima Schade
Dabei gibt er Denkanstöße, plädiert für eine differenziertere Sichtweise- und provoziert. So erfüllt er aber eine wichtige Aufgabe des politischen Kabaretts, die nur noch selten zu sehen ist. Am Anfang sieht man Sydow mit einem „Wischmop“ und Wasser scheinbar den Boden putzen. Er müsse schnell machen, danach habe er noch einen Auftritt in einem Baumarkt. Wohl eine Anspielung auf „gesunkene“ Schlagerstars, die in solchen Örtlichkeiten auftreten? Selbstironie? Sydow ist vor zehn Jahren in der „Anstalt“ aufgetreten. Jetzt passe er dort nicht mehr hin, wie er selbst nach der Show zugibt. Er werde mal als zu links, dann als zu rechts eingestuft. Auftritte habe er dennoch genug. Jüngst in 3 Sat, er tourt durch ganz Deutschland, bekam den baden- württembergischen Kleinkunstpreis 2024 verliehen. Auch diese Show ist fast ausverkauft, sie endet mit Standing Ovations.
Aber seine Inhalte provozieren: Die Unterstützung der Ukraine sieht er – ohne das Land zu erwähnen – als „Fortsetzung der Diplomatie mit anderen Mitteln“. Die Grünen seien die einzige Friedenspartei, mit der man „richtig Krieg“ führen könne.
Deutschland habe aktuell die höchsten Militärausgaben, obwohl nicht ein einziger amtierender Minister gedient habe, bis auf Lauterbach, der untauglich gewesen sei. Und Pistorius. Krieg führen, um Frieden zu erhalten, sei wie seine Tochter auf den Strich schicken, damit der Sohn Theologie studieren könne. „Hohoho“ reagieren die Zuschauer. „Brünftige Geräusche“ kommentiert der Künstler, der diese Reaktion gewohnt ist.
Desweiteren kritisiert Sydow die „Political Correctness“, in deren Namen Literatur umgeschrieben werde, und Filmen wie „Ekel Alfred“ Warnhinweise vorangestellt. „Überall triumphiert die Gesinnung“. Er liebe die Sprache, müsse aber zunehmend aufpassen, welche Worte er benutze.
Als „alter weiser Mann“ – ein feststehender Begriff – sei es schwierig eine „schwarze“ Frau („hohoho“) im Parkhaus anzusprechen, dass ihr Licht noch brenne. Komplimente machen könne generell missverstanden werden, das Wort Fräulein sei ohnehin tabu, alles könne als diskriminierend, homophob, transphob et cetera wahrgenommen werden. Viele Wörter haben eine Bedeutungsumkehr erfahren. „Querdenker“ zum Beispiel. Auch wurde er von seinem Neffen ermahnt, dass man nicht mehr so einfach fragen könne, was jemand werden wolle, „als Beruf nicht Geschlecht“. Lacher. Damit spielt er auf den Themenkomplex „woke“ an- und kommt weiter in „rechtes“ Fahrwasser. Das ist ihm bewusst: Seiner Meinung nach könne man allerdings die AfD und deren Gesinnung nicht mit Sprache bekämpfen, sondern indem man eine Politik mache, die sie überflüssig mache. Zudem sei sie frei gewählt: Er verteidige nicht „die Rechte“, nur die „Rechte der Rechten“, die gelten nämlich nicht nur für Linke.
Seine Weltsicht sei differenziert, die Welt komplex. Er kritisiert, dass Sarkasmus und Ironie nicht mehr verstanden werde, was den Satirikern das Leben schwer mache. Satire sei, wenn man alle politischen Parteien kritisiere. Alles andere sei Aktivismus. Er sei gegen Denkverbote, sehne sich nach den Zeiten der 68er, obwohl er selbst erst 1980 geboren ist. Diese träumten von einer Welt ohne Verbote. Desweiteren begründet er grammatikalisch und mittels Studien, dass Gendern keinen Sinn mache. Er ist der Überzeugung, dass die Klimakrise nicht in Deutschland gelöst werden könne, sondern sich die Zukunft in Asien und Südamerika entscheide.
Zuerst müsse die Armut bekämpft werden, Klimaschutz müsse man sich leisten können. Weniger strittig ist dagegen seine Kritik am Optimierungswahn über Fitnessarmbänder, „Überwachung“ durch Alexa und Algorithmen. Auch den Drang, sich auf Insta ständig mit anderen zu vergleichen kritisiert er. Dass das Internet, Schürfen von Bitcoins viel Energie verbraucht, und genauso klimaschädlich wie das Fahren von SUVs ist, ist nicht von der Hand zu weisen. Das eine wird von technikaffinen Klimaschützern kritisiert, das andere nicht.
Der Abend endet mit der Anfangsszene. Jetzt wird klar: Sydow putzt nicht. Er schreibt mit einem Pinsel auf den Boden. Diese „Wasserkalligraphie“ ist Kunst und zugleich Mittel der Kritik in China. Ob er sich mit dem Kalligraphen identifiziert?
Quelle
Ausgabe | Die Rheinpfalz Mittelhaardter Rundschau – Nr. 286 |
Datum | Montag, den 9. Dezember 2024 |
Seite | 22 |
Von Birgit Karg
Mit dem Rollator schleppt sie sich am Samstagabend auf die Bühne; doch kaum ist sie vor Publikum, wird sie quicklebendig und schaltet in den Diven-Modus: „Ja, mir geht’s gut / die Herzen voller Sonnenschein“ schmettert Irmgard Knef ins Mikrofon und umarmt damit die Zuschauer und gleich die ganze Welt. „Barrierefrei – mit 95 noch dabei“ hieß das Programm in der Reihe Kabarettissimo, mit dem Irmgard Knef nach 2019 zum zweiten Mal im Herrenhof Mußbach gastierte. Die Knef-Figur bescherte einen wunderbaren Abend voller nostalgischem Zauber. Große Gesten, eine rauchige, Cognac-getränkte Stimme und dieses gewisse Timbre, nah am Original und doch mit eigener Note: Hinter der Bühnenerscheinung steckt – wen wundert’s – ein Mann.
Dem in Sindelfingen geborenen Regisseur, Autor und Schauspieler Ulrich Michael Heissig gelingt über zwei Stunden eine kunstvolle Hommage an Hildegard, und das abseits schriller Travestie und billiger Imitation. Mit Irmgard Knef hat er dem umstrittenen Weltstar eine Zwillingsschwester angedichtet, sozusagen die Kreuzberger Alternative, eine tragikomische, lebenspralle Alte. Mit ihrem Programm „Barrierefrei … auch mit 95 noch dabei“ singt und plaudert und beißt und boxt sich Irmgard auch mit 99 Jahren noch durchs Leben. „Im Erdgeschoss unten / im Seniorensitz am See“ hält sie Hof und beglückt ihre Zuhörer mit Anekdoten und umgedichteten Chansons. Der Bigband-Sound kommt vom Band, doch die Diva ist echt: Hinter der Irmgard entdeckt man die Hildegard und Heissigs große Kunst, dem Original samt Knef-Klon neue Facetten zu entlocken.
Im Song „Wär mein Leben ein anderes geworden“ sinniert die robuste Irmgard über das Schicksal. Das hat Grandezza. Wie die schnoddrige und unangepasste Greisin von den Wechselfällen des Lebens berichtet, ist schlichtweg faszinierend. Man hört und staunt und genießt mit den anderen 150 Zuschauern einen Abend intelligenter, warmherziger Unterhaltung. Besonders gefallen die Knef-Cover und Klassiker von Gilbert Bécaud. Da wird „Du bist das Salz in der Suppe“ zum Liebeslied auf den Pfleger im Seniorenstift („Du bist das Molton unterm Laken“), und schwarzhumorig wird es auch.
Als Trümmerfrau und „Sünderin“In Schnapslaune singt und swingt sich Irmgard Knef durch ihr Leben, und beim Gedächtnistraining im Seniorenheim glänzt die Diva mit Hochkultur: Erst rezitiert sie „Der Herr Ribbeck“, dann macht sie Fontanes Helden zum Schnapsbrenner. Ganz nach dem Motto „Das Leben ist zu kurz, um schlecht drauf zu sein“ geht’s mit einem Trinklied fürs Publikum in die Pause.
Das Programm punktete mit gut platzierten Gags, facettenreichem Humor, der auch mal schwarz oder dosiert halbseiden daherkam, mit intelligenten Wortspielereien und nostalgischen Rückblicken: Im Chanson „Wenn das alles ist“ erlebte sich Irmgard Knef als Trümmerfrau, Wirtschaftswunder-Pin-up und „Sünderin“. Und plötzlich findet sie sich wieder am Grab der Zwillingsschwester. Mit einem Strauß Veilchen! Denn „Die roten Rosen waren ausverkauft“. Inmitten wilder Träume von Kuheutern und Kamelbuckeln erscheint ihr Papst Ratzinger, und mit Lieblingspfleger Kevin erfüllt sich Irmgard den langgehegten Traum vom Kiffen. Wie da die Urin-Ente zur Wasserpfeife wird, ist schlicht Slapstick vom Feinsten.
Dass die Greisin auch mit 99 Jahren noch up to date ist, bewies das Lied „Die Welt verändert sich“ über Klima, Autokraten und Krisen. Und ihrem geliebten Berlin setzte sie mit dem Jacques Brel-Cover „Nachts am Cottbuser Damm“ ein Walzer-tänzelndes Denkmal. Als Irmgard Knef hält Ulrich Michael Heissig die Erinnerung an Hildegard Knef wach, die künftig im Nebel des Vergessens zu verblassen droht.
Quelle
Ausgabe | Die Rheinpfalz Mittelhaardter Rundschau – Nr. 262 |
Datum | Montag, den 11. November 2024 |
Seite | 22 |